
Einmal vorweg: Nein, eine "Luftverteidigungszone Ost" gab es nicht, die Namensgebung selbst täuscht.
Die für die stützpunktmäßige Stationierung von Flugabwehrartillerie der Luftwaffe ausgeführte "Luftverteidigungszone West", kurz "LVZ West", war ein Großprojekt des Truppenteils Luftwaffe der Wehrmacht, mit dem ab Sommer 1938 im Zusammenhang mit dem "Limesbauprogramm" des Heeres begonnen wurde. Die LVZ West entstand ebenfalls in direktem Zusammenhang mit der von den Nationalsozialisten provozierten Sudetenkrise, als Einstieg in die ideologisch motivierte Eroberung von "Lebensraum" durch die Besetzung von Teilen der Tschechoslowakei zur Einverleibung der böhmischen und mährischen Landesteile. Der tschechoslowakische Bündnispartner Frankreich sollte durch den schnelleren, umfangreicheren aber auch technisch einfacheren Ausbau der "Westbefestigungen" von einem Eingreifen im Westen abgehalten werden. Die LVZ West stellte ein militärisch bemerkenswertes Novum auf dem Gebiet der Landesbefestigungen weltweit dar: Eine lange und tiefe Zone aus Flugabwehrstellungen mit Flugabwehrgeschützen (Flugabwehrkanonen, kurz: Flak) für die Luftabwehr, die Flugzeuge entweder beschießen oder zumindest die angreifenden Flugzeugformationen zu einer treibstoffzehrenden Flughöhe zwingen sollten, um deren Reichweite zu reduzieren. Die LVZ West war sowohl für die Luftverteidigung als auch für die Erdverteidigung konzipiert; für die Luftabwehr feindlicher Flugzeuge im Rahmen der Luftverteidigungszone und als rückwärtige Widerstandslinie für das Auffangen feindlicher Durchbrüche durch die als Verteidigungszone des Heeres vorgelagerten Stellungen des "Westwalls".
Bis Herbst 1938 wurde zuerst eine Zone zwischen Mosel und Rhein von Trier über den Hunsrück und die nördliche Pfalz bis Speyer angefangen, die der deutsch-französischen Grenze am nächsten lag. Danach wurde diese Hauptzone der LVZ West in einer zweiten Bauphase nach Norden bis in das Rheinland sowie nach Südosten über Bruchsal und Pforzheim bis zum Bodensee verlängert. Dem am 1. Juni 1938 als Dienststelle des Reichsluftfahrtministeriums in Berlin gebildeten Kommando der Luftverteidigungszone West wurde Ende 1938 die Erweiterung der Luftverteidigungszone befohlen. Bis zum 1. Oktober 1939 musste eilig eine lückenlose und mehrfach überlagerte Flugabwehrzone vom Ruhrgebiet bis zur Schweizer Grenze hergestellt werden. Für den festungsmäßigen Ausbau und die Erweiterung der LVZ West unterstanden dem Kommando der Luftverteidigungszone West in Berlin der Erkundungsstab III in Wiesbaden sowie der 1938 neu aufgestellte Stab des Höheren Kommandeurs der Festungsflakartillerie III in Wiesbaden. Diesem neu gebildeten Stab unterstanden wiederum die unten aufgezählten Festungsflakstammbatterien in truppendienstlicher Hinsicht, der bisher direkt dem Kommando der Luftverteidigungszone West unterstehende Ausbaustab III in Wiesbaden, der Erkundungsstab Eifel in Bonn und der Erkundungsstab Schwarzwald in Stuttgart, welcher Erkundung und Ausbau der LVZ West im Schwarzwald von südlich Pforzheim bis zur Schweizer Grenze leitete und ab 1. März 1939 auch für den Ausbau im Abschnitt Bruchsal verantwortlich werden sollte.
Für die Besetzung der LVZ West mit Bedienungsmannschaften wurden Festungsflakstammbatterien gebildet. Anscheinend wurde die LVZ West mit aus dem Reich verlegten Batterien verschiedener Flakregimenter als Festungsflakstammbatterien sowie vier als Abschnittskommandos aufgestellten Festungsflakabteilungen belegt (Festungsflakabteilung 31 in Trier, Festungsflakabteilung 32 in St. Wendel, Festungsflakabteilung 33 in Kaiserslautern, Festungsflakabteilung 34 in Speyer). Die LVZ West bestand aus Flakscheinwerferstellungen zum Anstrahlen der Flugzeuge bei Dunkelheit und Flugabwehrstellungen, in deren Feuerstellungen/Batteriestellungen die Flugabwehrgeschütze als Batterien gruppiert aufgestellt wurden. Eine Flakscheinwerferbatterie der LVZ West sollte aus neun Flakscheinwerfer bestehen. Bei den Flugabwehrstellungen der LVZ West wurde zwischen schweren und leichten Batterien unterschieden. Eine schwere Batterie bestand aus vier 8,8 cm - Flugabwehrkanonen, eine leichte Batterie aus drei Zügen mit jeweils drei 3,7 cm - Flugabwehrkanonen.
Es war vorgesehen, die vordere Flakzone des mittleren Abschnitts der LVZ West von der Mosel bis südlich Pforzheim zu einer zweiten Heeresstellung hinter der Verteidigungszone des Heeres auszubauen. Die hinter dieser vorderen Flakzone liegende Hauptzone der LVZ West sollte mit zusätzlichen schweren Batterien zur rückwärtigen schweren Flakzone ergänzt werden. Rechtsrheinisch beabsichtigte die Luftwaffe eine Ergänzung der LVZ West im Raum Bruchsal mit schweren und leichten Batterien für die Flugabwehr tief fliegender Flugzeuge und explizit auch zur Erdabwehr. Der Neubau der LVZ West südlich von Pforzheim über den Schwarzwaldkamm sollten den Einflug von Feindflugzeugen aus der Burgundischen Pforte über das Territorium der neutralen Schweiz oder von den Flughäfen bei Metz und Straßburg in Richtung Stuttgart, München und Bodensee zu verhindern.
Wegen der Grenznähe und den Wetterverhältnissen verlief die Hauptzone der LVZ West östlich des Schwarzwaldes, mit einzelnen vorgeschobenen schweren Batterien auf den höchsten Erhebungen des Schwarzwaldes zur Erschwerung der Überfliegung (beispielsweise Hornisgrinde, Feldberg) sowie leichten Batterien in Verbindung mit Straßensperren für die Sicherung wichtiger Paßstraßen gegen tief fliegende Flugzeuge oder die Verteidigungszone des Heeres durchbrechende Panzerverbände. Außerdem gab es vor der Hauptzone vorgeschobene Flugabwehrstellungen zum Schutz der wichtigen Rüstungsbetriebe in Rottweil, Oberndorf am Neckar und Schramberg. Für die Erleichterung der Versorgung sollten die Flugabwehrstellungen möglichst in der Nähe der Schwarzwaldhochstraße entstehen.
Der für die Herstellung der Flugabwehrstellungen der LVZ West betriebene Bauaufwand war wegen den durch den Bau der anderen Westbefestigungen beschränkten Ressourcen und dem kurzen Entstehungszeitraum sowie der taktischen Bedeutung der jeweiligen Flugabwehrstellungen von Fall zu Fall unterschiedlich. Ihr uneinheitlicher Ausbauzustand bewegte sich zwischen nur behelfsmäßig angelegten Feldstellungen, beschränktem Ausbau und festungsmäßigem Vollausbau. Voll ausgebaut werden sollten im heutigen Baden-Württemberg die schweren und leichten Batterien in der Hauptzone zwischen Rhein und Pforzheim sowie in den Abschnitten Tübingen und Tuttlingen die auf dem Schwarzwaldkamm vorgeschobenen schweren und leichten Batterien insoweit diese auch zur Verteidigung wichtiger Passstraßen dienten. Voll ausgebaute Flugabwehrstellungen mussten als Infanteriestützpunkte tauglich sein, weshalb die einzelnen Unterstände zweihundert bis dreihundert Meter von der aus den Geschützständen und Kommandoständen gebildeten Feuerstellung abgesetzt sein konnten. Für die Batterien südlich von Pforzheim und in den Abschnitten Tübingen und Tuttlingen sowie für diejenigen Schwarzwaldkammstellungen die keine Passstraßen verteidigten war nur beschränkter Ausbau vorgesehen.
Für die Erweiterung der LVZ West 1938-1939 sollten unterschiedliche Regelbauten zur Ausführung kommen, wobei ausdrücklich auf die individuelle Anpassung der Bautypen an das jeweilige Gelände sowie deren Tarnung zu achten war: Befestigte Geschützstände für schwere oder leichte Flugabwehrgeschütze, befestigte Stände für Kommandogeräte, Kommandeur-Stände (K-Stände) für die Führer von Flakuntergruppen, Bereitschaftsräume für Bedienungsmannschaften (B-Stände und V-Stände für Vorderhanggelände), Beobachtungsstände mit Sehschlitzen für Scherenfernrohre, Beobachtungsstände mit Panzerkuppeln (Pz.-Stände), Munitionsräume (M-Bunker), Wasserversorgungsanlagen (Quellfassungen, Schachtbrunnen oder Feldbrunnen, Pumpwerke z. B. der Bauart Bock, Wasserbehälter, Wasserleitungen). Als Sonderbauten waren Gefechtsstände der Stäbe, B-Stellen, Straßensperren zum Schutz der Batterien im Abschnitt Bruchsal und auf dem Schwarzwaldkamm, oder Armierungsschuppen für Pionier-Gerät vorgesehen.
Im Idealfall hätte eine schwere Batterie im Vollausbau aus vier betonierten Geschützständen für die Geschütze Anton, Berta, Cäsar, Dora, zwei Ständen für Kommandogeräte (Befehlsstellen I und II), sechs Bereitschaftsräumen (B-Stände oder V-Stände), drei Munitionsräumen (M-Stände) und Wasserversorgungsanlagen bestanden. Eine leichte Batterie hätte aus drei Geschützständen für die Flugabwehrkanonen, Bereitschaftsräumen (B-Stände oder V-Stände) und einem Munitionsraum (M-Stand) für die Flugabwehrkanonen bestanden. Die zu den Flugabwehrstellungen führenden Anmarschwege mussten gut befestigt werden, damit sie jederzeit mit Fahrzeugen anfahrbar waren. Sowohl schwere als auch leichte Batterien konnten alternativ im beschränkten Ausbau ausgeführt werden, der nicht ausgebaute Geschützstände, Kommandostände sowie Munitionsräume und Blockhäuser für Bedienungsmannschaften umfasste. Zu fast jeder schweren Flugabwehrstellung gehörte ein zur Abstellung von Fahrzeugen sowie zur Lagerung von nicht festungsmäßig eingebauten Geräten errichtetes Batterie-Beständelager/Flakbeständelager, dass sich üblicherweise am Rand einer nahe gelegenen Ortschaft befand.
Um die Flugabwehrstellungen der LVZ West im Bedarfsfall zuverlässig versorgen zu können, wurden Munitionsniederlagen angelegt in deren Munitionshäusern die Munition zwischengelagert war. In Baden-Württemberg gab es nach den bisherigen Erkenntnissen mindestens acht solcher Munitionsniederlagen der LVZ West (z. B. in Spaichingen, Sulz am Neckar, Althengstett), welche zumindest teilweise durch die 1939 fertig gestellte Munitionsanstalt "Muna Haid" der Luftwaffe in Engstingen zentral mit Munition versorgt wurden. Zudem gab es Luftnachrichtengerätelager und Armierungsschuppen für die Aufbewahrung von Pioniergerät und Sperrmaterial.
Zwischen Mosel und Rhein entstand im heutigen Rheinland-Pfalz und Saarland eine der Hauptzone der LVZ West vorgelagerte vordere Flakzone als Infanteriezone, die zur Abwehr von Bodentruppen stützpunktartig (ebenfalls ein Novum in der Militärgeschichte) mit Höckerlinien, Nassen Panzergräben und Bunkern für Infanterie, Maschinengewehre oder zur Unterstellung leichter Panzerabwehrkanonen festungsmäßig ausgebaut wurde. In den Verlängerungen nach Norden und Südosten überlappen sich beide Zonen der LVZ West. Dort kommen lange, lineare Panzerhindernisse nicht mehr vor. Die bodenaktive Funktion war in diesen Abschnitten weniger ausgeprägt und in den Flugabwehrstellungen wurde weniger Wert auf den Schutz gegen Artilleriebeschuss gelegt. Gerade der Bau von Elementen für den Erdkampf verstärkte die Rivalität zwischen den Truppenteilen Luftwaffe und Heer der Wehrmacht. Beide Truppenteile konkurrierten um Material und Personal zum Bau des eigentlichen "Westwalls". 1939 übernahm dann das Heer die vorgelagerte Zone.
Ihre Bewährungsprobe musste die LVZ West, deren Bau durch den Frankreichfeldzug 1940 eingestellt worden war, nie bestehen. In dem später wesentlich großräumiger geführten Luftkrieg spielte die LVZ West keine Rolle mehr, weil es nie genug Flugabwehrstellungen geben konnte, um das ausgedehnte Territorium des Deutschen Reiches lückenlos nach allen Richtungen gegen einfliegende Feindflugzeuge zu verteidigen. So wurde die Flugabwehrartillerie der Luftwaffe aus der Fläche zurückgezogen, um sie punktuell vor allem auf den Schutz von Großstädten sowie den Objektschutz kriegswichtiger Schutzobjekte wie Bahnhöfe oder Rüstungsbetriebe zu konzentrieren. Die fertig gestellten Bunker der LVZ West wurden zwar 1944-1945 zwischen Aachen und Köln in die dortigen Bodenkämpfe einbezogen, spielten aber militärisch keine bedeutsame Rolle mehr. Ebenso wie die anderen Bestandteile der "Westbefestigungen" wurden auch die meisten Flugabwehrstellungen der LVZ West nach dem Krieg planmäßig geschleift und viele Bunker beseitigt. Trotzdem sind noch zahlreiche Relikte vorhanden, deren ursprünglicher militärischer Zweck auch wegen der großen räumlichen Entfernung der LVZ West zu den Frontlinien des "Westwalls" heute vielerorts in Vergessenheit geraten ist. Die erhaltenen Objekte sind besonders wertvolle Dokumente für das Verständnis der Baugeschichte und Bautypologie der gesamten LVZ West, weil nur wenige einzelne Akten zur LVZ West im Bundesarchiv überliefert sind. Die wissenschaftliche Forschung ist deshalb maßgeblich auf die materielle Überlieferung der Kulturdenkmale angewiesen.
Patrice Wijnands - VEWA e.V. & Patrick Jung/RPS
--
Für die Angaben zur Konzeption und Bautypologie des Neubaus 1938-1939: BArch RL 7-3/549.
Die Karte und weitere Inhalte wurden auch verwendet für die Veröffentlichung:
Hans-Josef Hansen
Die Batteriestellung Bad Münstereifel-Rodert der Luftverteidigungszone West
und die Zweckbauten des Führerhauptquartiers Felsennest
Die militärische Besitzergreifung eines Eifeldorfes
1939 – 1940